Worte

(FRAU sitzt auf einer hölzernen Parkbank. HERR kommt von links.)
F: „Nanu? Dass ein Jemand wie Sie so seufzen muss?“
HR: „Ach…fragen Sie nicht. Sie werden mein Leid wohl kaum verstehen können.Man hat mich heute an meinem Korbe beschädigt!“
F: Ihr Korb wurde beschädigt? Unfassbar! Sie haben doch nicht etwa viele Ihrer Worte verloren,oder?“
HR: „Zumindest wirkt er mir um ein vielfaches leichter! Und dabei waren es so schöne, fein gefertigte Worte, wissen Sie? Aber ein Mann mit Wort ist eben nicht mehr so wichtig wie früher! Das Aug gilt höchstens Männern mit einem guten WortBAU und das Idealbild ist das eines einsilbigen Satzbaupakets.“
F: „Ach,überziehen Sie doch nicht so! Wenigstens hört man ihnen zu, während wir Frauen uns immer noch gegen das Klischee des Wäschekorbtragens wehren müssen. Die Männer glauben heutzutage noch immer, dass Frauen nur rosa Wörter haben!“
HR: „Welch Anklage! Es ist doch reines Grundwissen, dass es nur blaue oder rosa Wörter geben kann! Das ist reinste Grammatik! Seien Sie froh, Ihren Tag nicht nur völlig wortlos mit dem Zubereiten von Buchstabensuppen zu verbringen! Sie sollten uns Männern für diese Änderung etwas mehr Dankbarkeit zeigen.“
F: „Einen MAULKORB sollte ich Ihnen anlegen lassen! IHRESGLEICHEN sieht doch höchstens auf ihre KÖRBCHENGRÖSSE!“ (FRAU springt wütend auf.SPAZIERGÄNGER nähert sich von rechts)
BEIDE: „Hey Sie!“
SG: (freundlich) „Ja Guten Tag,was gibt es denn?“
HR: „Was es gibt? UNGERECHTIGKEIT GIBT ES! Wie wagen Sie es, hier so unbekümmert umherzugehen, während armen Menschen wie uns das Recht auf WÖRTER und SATZBILDUNG genommen wird?!“
F: „GENAU! Sehen Sie nur,wie wenig Worte ich im Vergleich besitze!“
SG: „Verzeihen Sie, aber ich kann keinen Unterschied sehen.“
HR: „Sie machen Scherze! Sehen Sie nur, wie wie schön und edel meine Wortauswahl ist!“
FR: „Und wie schön und bunt meine Satzglieder!“
SG: „Nun, wenn dies alles ist, dann würde ich mich empfehlen.“
HR: „Wieso? Wo geht’s denn hin, an diesem schönen Sonntag?“
SG: „Zu der diesjährigen Wortwahl fürs Bundeslexikon,der Herr, sie findet alle 4 Jahre statt. Wollen Sie mich vielleicht begleiten?“
FR: „Und sie GEHEN zum Auflauf dieses Verbrechersyndikats?“
SG: „Sehr richtig. Dies ist eine von ihnen. Ich meine, wie, glauben Sie, kämen wir sonst zu diesen prächtigen Körben?“
(Vorhang fällt)

Kommentare

  1. Von Alyssa F.-E. am

    Wichtige Anmerkung der Autorin:

    Da es einige Verwirrungen über den Text gab, habe ich mich dazu entschlossen ein paar Dinge zu erklären:

    Das Streitgespräch zwischen dem MANN und der FRAU ist eine Satire über zwei Extreme.
    Auf der einen Seite gibt es den MANN, welcher sich darüber beschwert, dass Männer in der Gesellschaft weniger Wert haben als Frauen, und die FRAU, welche sich darüber beschwert, dass es den Frauen viel schlechter ginge.
    Während beide Seiten halbwegs vernünftige Gründe für ihren Standpunkt präsentieren, überziehen sie genau diese, indem sie beginnen das jeweils andere Geschlecht für ihre Lage verantwortlich zu machen und sich gegenseitig zu beleidigen.

    An diesem Punkt wird die Bedeutung der Körbe und Wörter wichtig, welche so oft erwähnt werden:
    Die KÖRBE repräsentieren die Rechte, welche alle Charaktere im Stück mit sich tragen (Hätte ich mehr Zeilen übrig gehabt, hätte ich noch in die Regieanweisung geschrieben, dass alle Charaktere die gleiche Sorte Korb mit sich herum tragen).
    Die WÖRTER repräsentieren das, was die Person an sich ausmacht und wofür sie steht. Sie werden von den Körben in denen sie liegen gestützt.
    Ein Satz wie zum Beispiel „Die Männer glauben heutzutage noch immer, dass Frauen nur rosa Wörter haben!“ bedeutet, übersetzt, dass die FRAU glaubt, alle Männer würden glauben, Frauen seien nicht mehr als ihr klassisches Rollenbild (was natürlich reiner Unsinn ist!)

    Während beide Figuren versuchen, sich als Opfer und den anderen als Täter darzustellen, kommt der SPAZIERGÄNGER, welcher gerade zur Wahl unterwegs ist.
    Die „Wahl“ bezieht sich natürlich auf die Bundestagswahl, welche FRAU und MANN jedoch nicht als Lösung ihrer Probleme sehen und lieber fortfahren, sich über ihre überdramatisierten Probleme zu streiten (wobei sie sich öfters widersprechen).
    „Überdramatisiert“ deswegen, da beide sich zwar wie die Rohrspatzen auf den Dächern aufregen, sich jedoch gleichzeitig weigern, Problemlösungen zu erkennen und anzunehmen.

    Ein weiterer Hinweis (welchen ich leider nicht gleich erwähnt habe, nachdem ich den Fehler entdeckt hatte) war die Tatsache, dass aufgrund ein paar erzwungenen Kürzungen (ich bin niemand, welcher normalerweise kurz schreibt) leider ein Satz ohne entsprechenden Kontext drinnen blieb, weswegen ich bitte, den vorletzten Satz „Dies ist eine von ihnen“ zu ignorieren.

    Ich hoffe ich konnte alle Verwirrungen lösen!

  2. Von Fred am

    Als Minidrama würde ich dies nicht bezeichnen. Zumal es kein Gutes sein kann, wenn man es erklären muss. Aber gute Ansatzpunkte. Sorry nur 2 Sterne von mir.

  3. Von Bettina Sieber am

    Mir gefällt das „Spiel mit den Worten“… Wirklich einige super Ideen (die „Buchstabensuppen“, „rosa Wörter“…:)). Ich glaube, es ist auch etwas Wahres dran, dass Worte eine große Rolle spielen, v.a. auch im Aushandeln von Rollenbildern. Dies zu spielen und zu betonen, das könnte eine richtige Herausforderung sein.

  4. Von Rainer S. am

    Es sind raffinierte Wortspiele drin. Dem Leser erschließt sich allerdings nicht auf Anhieb die Hintergründigkeit des Korbes zu Beginn der Geschichte. Ein Minidrama sollte allerdings keiner zu langen Erklärungen bedürfen. Der Vergleich mit dem Bundeswahllexion ist witzig, schließlich auch der mit der Körbchengröße Die satirische Thematisierung der Gleichberechtigung finde ich gut getroffen. 3 von 5 Sternen.

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