Anonyme Nachrichten
LENA (Gesicht dicht an einem hell leuchtenden Handybildschirm): Verdammt.
LUKAS (geht neugierig auf sie zu und liest laut vor): Verzieh dich ein für alle Mal. Keiner kann dich gebrauchen. Besser du …
LENA (wütend): Lass das!
LUKAS (beschwichtigend die Hände hebend): Okay, okay, ich wusste ja nicht, dass es so privat ist. Aber Ernst mal, was soll das Ganze? Wem schreibst du das?
LENA: Geht dich nichts an.
LUKAS: Soll ich der Hofaufsicht Bescheid geben, dass du ein Handy hast? Okay, kein Problem, das können deine Eltern dann ja heute Nachmittag abholen. Dann kannst du ihnen gleich erklären, was du für Mist an andere Leute schickst.
LENA (nervös über die Schulter guckend und schnell das Handy ausschaltend): Musst nicht gleich so durchdrehen. Ist halt eine Freundin von mir gewesen.
LUKAS: Freundin?
LENA: Ja, man! Sie hat mich mal in meiner alten Klasse blamiert. Und jetzt postet sie Fotos von ihr und ihrem Freund, der ihr echt hässlichen, teuren Schmuck schenkt und so.
LUKAS (nickt nachdenklich): Klar, sowas tut weh, das hat auch mal jemand mit mir gemacht.
LENA: Also, verpfeifst du mich nun oder nicht?
LUKAS: Nein, ich denke nicht.
LENA (triumphierend, will bereits weggehen): Angsthase, wusste ich’s doch.
LUKAS (streckt den Arm nach ihr aus und tippt ihr vorsichtig an die Schulter): Nicht so schnell. Erst einmal versprichst du mir, dass du das nicht mehr tust.
LENA (Arme verschränkt): Oh, da bist du ja wohl doch der große Macker. Von wegen Held und so, ne?
LUKAS: Und du hältst dich für mutig, weil du andere im Internet bedrohst? Anonym, oder nicht? Ich sag dir wenigstens ins Gesicht, was ich tue. Du lässt den Schwachsinn oder du kriegst Ärger. Such dir was aus.
LENA: Pff, du kannst mich nicht aufhalten. Wer weiß schon, von wem die Nachrichten sind? Die kriegt es nie raus, und wenn du mich verpfeifst, dann weiß bald jeder von deinem Missgeschick auf der Klassenfahrt.
LUKAS: Ich lasse mich nicht erpressen. Wenn du mich verpetzt, verrate ich dich, so einfach. Wenn du aber die Nachrichten löschst und kein Beweis mehr sichtbar ist, dann kriegt dich auch keiner ran.
LENA: Und das soll ich dir glauben?
LUKAS (lächelt): Du glaubst doch auch, dass ich ein Angsthase bin. Warum sollte ich also nicht feige genug sein, um die Wahrheit zusagen? Du weißt selber, was für ein mieser Lügner ich bin.
LENA: Also da hast du Recht.
LUKAS: Also, versprochen?
LENA (widerwillig): Versprochen, sie kriegt keine Drohung mehr.
LUKAS: Ein Tipp noch: Wenn du was zu sagen hast, sag’s ins Gesicht. Funktioniert immer.
LENA: Ja, klar, bei dir. Das, was ich sagen will, sagt man nicht einfach so ins Gesicht, sonst macht die mich noch fertig.
LUKAS: Wozu überhaupt was sagen, wenn du’s nicht ins Gesicht sagen kannst? Also ich würde jetzt meinen, wir sind beide Angsthasen.
LENA (lacht): Da liegst du vermutlich gar nicht sodaneben.