Wenn alles zu laut wird

Jeden Morgen, wenn Naomi durch das Schultor geht, fühlt es sich an, als würde etwas in ihr reißen, nicht klein, aber auch noch nicht so groß, dass andere es bemerken könnten. Wie so ein kleiner Crack, der jeden Tag lauter wird.
Jeder nennt sie arrogant, dabei ist sie doch einfach nur müde geworden. Müde davon, so zu tun, als würde nichts wehtun. Früher war das anders gewesen… da gab es ja noch Lia. Mit Lia war alles leicht, sie hatten gelacht, sich mitten in der Nacht Sprachnachrichten gesendet und über andere geredet, die sie niemals mochten. Bis Lia anfing sich zu verändern. Erst waren es nur kleine Dinge. Schreib ihr einfach nicht zurück, ignorier sie morgen mal oder wenn du meine Freundin bist, machst du das. Und Naomi hatte jedes Mal dieses komische Gefühl im Bauch, hat aber trotzdem mitgemacht. Nicht weil sie gemein war. Sondern weil sie Angst hatte, wieder allein zu sein.
Jetzt stand Lia ein paar Meter in der Schule entfernt und lachte mit genau dem Mädchen, über das sie früher gemeinsam gelästert hatten. Naomi spürte sofort dieses Ziehen in der Brust. Dieser Crack. Lia bemerkt ihren Blick und lächelt kurz, so als wäre nichts gewesen. Und genau das machte alles schlimmer. „Was schaust du so?“, fragt Lia laut genug, dass andere sich umdrehen. Naomi wollte weggehen. Wirklich. Sie sagt sich selbst: Einfach ignorieren. Einfach ruhig bleiben. Aber irgendetwas in ihr war zu lange ruhig gewesen.
„Du tust echt so, als wärst du unschuldig, oder?“, sagt Naomi plötzlich. Der Gang wurde still. Lias Lächeln verschwand. „Bitte fang jetzt nicht wieder an.“
Naomi lacht kurz, aber es klingt kaputt. „Nicht wieder anfangen? Du hast mich monatelang benutzt, damit du an andere rankommst!“
„Jetzt übertreib halt nicht.“ Dieser Satz. Dieser eine Satz ließ alles explodieren.
„Übertreiben?!“ Naomis Stimme zittert jetzt. „Du hast mich fertiggemacht und tust jetzt so, als wäre nichts gewesen!“ Mehr Leute bleiben stehen. Aber diesmal war es Naomi egal. Alles kam raus.
„Weißt du eigentlich, wie oft ich wegen dir geheult hab?! Wie oft ich nachts wach lag und mir eingeredet hab, dass ich das Problem bin?!“
Lia verdreht die Augen: „Dramaqueen.“ Und genau da brach es endgültig. Es klingelt, aber das ist gerade allen egal.
„Nein!“, schreit Naomi. „Du weißt gar nicht, was du mit Menschen machst! Du benutzt jeden so lange, bis er kaputt ist, und wenn er dann was sagt, bist plötzlich du das Opfer!“ Ihre Stimme überschlägt sich inzwischen fast.
„Alle denken immer, ich bin kalt und arrogant, aber weißt du warum?! Weil ich irgendwann aufgehört hab irgendwem zu vertrauen! Wegen Menschen wie dir!“ Niemand sagt etwas. Nicht Lia. Nicht die Leute im Gang. Niemand. Naomi atmet schwer. Ihre Augen brennen. Dann tritt sie langsam einen Schritt zurück.
„Das Schlimmste ist“, sagte sie leiser, „dass ich dich wirklich gebraucht hab.“ Und plötzlich sah Lia zum ersten Mal nicht überlegen aus. Nur still. Naomi drehte sich um und ging. Nicht stark. Nicht geheilt. Aber zum ersten Mal fühlte sich ihr Schweigen nicht mehr wie ein Käfig an.

Kommentare

  1. Von Monika am

    Wie sehr oft im echten Leben.
    Eine tolle Geschichte!

  2. Von Michelle am

    Ist goil

  3. Von Monika Guganigg am

    Liebe den Text stellt das wahre Leben dar

  4. Von Sonja Nabernik am

    Sehr gut geschrieben

  5. Von Uros am

    Diese Szene besitzt eine emotionale Wucht, die einen sofort packt. Die Dynamik zwischen Naomi und Lia fängt die toxische Realität von Jugendfreundschaften und die Grausamkeit des schulischen Alltags erschreckend authentisch ein.

  6. Von Erva-Su Katman am

    Bester Mini-Drama

  7. Von Susi Lafer am

    Sehr gut

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