Bis ich es nicht mehr war

Ich war schon immer ein furchtloses Kind. Mit sieben Jahren habe ich auf meinem Nachhauseweg den Skaterpark neben meiner Schule entdeckt und war sofort begeistert. Mit einem uralten Skateboard, ohne Helm und ohne Schoner übte ich stunden-, tage-, nächtelang Tricks, bis ich sie konnte, überschätzte mich viel zu oft, brach mir meinen Arm, mein Bein und zog mir eine Platzwunde zu. Ich fiel öfter hin, als ich zählen kann, aber ich stand wieder auf. Ich fiel hin und stand auf, fiel hin und stand auf, bis ich irgendwann nicht mehr aufstand. Ich war solange mutig, bis ich es irgendwann nicht mehr war.
Das Board klappert unter meinen Füßen, der Fahrtwind schlägt mir entgegen und ich fixiere mit meinen Augen das Hindernis, auf das ich zu raße. Hunderte Male schon bin ich mit meinem Brett über die ausgebeulte Metallröhre gesprungen, aber heute fühlt es sich anders an. Irgendwie falsch.
Kurz vor dem Hindernis beginnt mein Skateboard zu schlingern und ich falle. Während ich auf dem harten Asphalt aufschlage, wird mir klar, dass nicht mein Körper das Gleichgewicht verloren hat, sondern mein Kopf.
Ich setze mich auf und begutachte meine Hände, die den Sturz abgefangen haben. Nur ein paar kleine Schrammen, nichts Ernstes, und trotzdem möchte ich am liebsten weinen. Weinen um meinen Mut, der irgendwo zwischen meiner Kindheit und dem Teenager-sein auf der Strecke geblieben ist; weinen wegen den vielen Gedanken in mir, die mich ausfüllen, bis sie überkochen; weinen wegen der dunklen Stimme in meinem Kopf, die mir sagt, was ich alles nicht tun soll, was zu gefährlich ist, und die mich gleichzeitig einen Feigling schimpft.
„Hey, das sah richtig krass aus!“
Ich schrecke hoch. Vor mir steht ein Junge in meinem Alter mit roten Haaren und einem schiefen Grinsen auf dem Gesicht.
„Wohl kaum, mich hat’s voll gelegt“, murmle ich und starre auf die Metallröhre, die ich früher mit Leichtigkeit überwunden hätte. Früher. Als ich noch nicht über alles zu viel nachgedacht habe, als alles noch in Ordnung war.
„Nächstes Mal klappt’s bestimmt!“, motiviert mich der Junge. Ich zucke mit den Schultern.
„Komm, ich zeig dir, was ich immer mache, wenn ich mich nicht traue, ‚nen Trick durchzuziehen“, sagt der Rothaarige und hält mir seine Hand hin, „dich kriegen wir schon noch über dieses dämliche Hindernis!“ Ich muss lachen und die dunkle Stimme in meinem Kopf verschwindet, als ich die Hand annehme und mich von dem Jungen auf die Beine ziehen lasse.

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