Die Stadt ohne Stimmen

Personen: Clara (C), Mutter von Clara (M), Elias (E), Frau (F), Person (P)
Zu Hause
C: Mama, was ist eigentlich mit Paul passiert?
M: Frag nicht danach.
C: Aber er ist mein Bruder.
M: Man hat gesagt, er wurde verlegt. Mehr darf ich nicht sagen.
C: Warum hat jeder Angst, über ihn zu sprechen?
M: Weil Schweigen in dieser Stadt sicherer ist als die Wahrheit.
C: Aber wenn niemand mehr etwas sagt, verändert sich doch nie etwas.
M: Manchmal muss man mutig sein. Manchmal muss man aber auch überleben.
C: Ich will irgendwann die Wahrheit herausfinden.
M: Pass nur auf, dass dein Mut dich nicht alles kostet.
In der alten Bibliothek
C: Warum sind hier Bücher? Ich dachte, sie wären alle vernichtet worden.
E: Nicht alle. Manche Wahrheiten kann man verstecken, aber nicht auslöschen.
C: Wer sind Sie?
E: Mein Name ist Elias.
C: Die Menschen auf diesen Bildern lachen. Warum sieht heute niemand mehr so aus?
E: Weil die Menschen früher frei waren. Sie durften ihre Meinung sagen, Fragen stellen und ihre Träume leben.
C: Dann hat uns die Regierung belogen.
E: Ja. Sie behauptet, Schweigen bedeute Frieden. In Wirklichkeit bedeutet Schweigen nur, dass niemand die Wahrheit aussprechen kann.
C: Ich habe Angst.
E: Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben. Mut bedeutet, trotz der Angst weiterzugehen.
C: Ich weiß nicht, ob ich so mutig bin.
E: Das dachte dein Bruder auch.
C: Sie kannten Paul?
E: Ja. Er wollte die Wahrheit ans Licht bringen. Dafür hat er alles riskiert.
C: Wo ist er jetzt?
E: Das wissen wir nicht. Aber wir wissen, wofür er gekämpft hat.
Im Versteck des Widerstands
C: Sind das alles Menschen, die sich gegen die Regierung stellen?
E: Ja. Jeder von uns hat Angst. Trotzdem sind wir hier.
F: Dein Bruder war einer der Mutigsten. Er hat nie aufgehört, Fragen zu stellen.
C: Ich vermisse ihn jeden Tag.
F: Dann sorge dafür, dass sein Mut nicht vergessen wird.
C: Ich möchte helfen.
E: Das ist gefährlich. Wenn sie dich erwischen, verlierst du alles.
C: Vielleicht. Aber wenn niemand etwas tut, wird sich niemals etwas ändern.
Am Abend vor dem Plan
C: Ich denke die ganze Zeit an meine Mutter.
E: Sie hat Angst um dich.
C: Ich weiß. Aber wenn ich jetzt aufgebe, hat Paul umsonst gekämpft.
E: Genau deshalb bist du hier. Mut bedeutet manchmal, etwas zu tun, obwohl man weiß, dass es gefährlich ist.
C: Dann werde ich nicht weglaufen.
Vor der Übertragung
C: Meine Hände zittern.
E: Das ist normal.
C: Was, wenn mir niemand glaubt?
E: Dann hast du es trotzdem versucht. Mut zeigt sich nicht im Ergebnis, sondern in der Entscheidung, es überhaupt zu wagen.
C: Und wenn ich scheitere?
E: Wer nichts wagt, hat schon verloren.
Während der Übertragung
E: Du bist jetzt auf allen Bildschirmen der Stadt.
C: Bürger von Sektora! Viele von euch haben Angst zu sprechen. Diese Angst kenne ich auch. Aber wir wurden jahrelang belogen. Menschen sind verschwunden, weil sie Fragen gestellt haben. Man hat uns beigebracht zu schweigen. Doch Schweigen macht uns nicht frei.
P: Die Wächter kommen!
C: Ich habe Angst. Aber ich werde trotzdem weitersprechen. Genau das bedeutet Mut. Mut heißt nicht, furchtlos zu sein. Mut heißt, trotz der Angst für das Richtige einzustehen.
P: Sie brechen die Tür auf!
C: Lasst euch eure Stimmen nicht nehmen. Stellt Fragen. Redet miteinander. Nur wenn wir den Mut haben, die Wahrheit auszusprechen, kann sich unsere Zukunft ändern.
Am Ende
P: Die Menschen gehen auf die Straßen! Sie reden wieder miteinander!
C: Dann hat sich unser Mut gelohnt.
E: Ja. Ein einzelner Mensch kann eine Veränderung beginnen. Doch erst der Mut vieler Menschen macht Freiheit möglich.
C: Jetzt verstehe ich, was Paul erreichen wollte.
E: Freiheit beginnt mit einer Stimme. Aber sie wächst durch den Mut, sie zu benutzen.

Kommentare

  1. Von Julie am

    Das aller beste Drama, das ich jemals gelesen habe!!!!!!

Schreibe einen Kommentar