Die mutigste Nase der Welt

Die mutigste Nase der Welt

Ja, also, ich bin die Maskenbildnerin.

Das heißt, ich mache Gesichter.

Nicht echte Gesichter.
Die sind meistens schon da.

Ich mache andere Gesichter auf die Gesichter drauf.

Heute sollte ich dem König einen Bart ankleben.
Einen sehr königlichen Bart.
Mit drei Locken links, vier Locken rechts und einer kleinen Geheimlocke unter dem Kinn.

Aber dann hat der Bart gesagt:
„Ich möchte heute kein Bart sein.“

Das war natürlich schwierig.

Ich habe gesagt:
„Was möchtest du denn sein?“

Und der Bart hat gesagt:
„Ein Löwe.“

Seitdem läuft er durch die Garderobe und brüllt die Puderquasten an.

Der König hat jetzt keinen Bart.

Dafür hat er große Angst.

Die Angst sitzt genau hier.

Also ungefähr zwischen Nase und Ohr.

Man kann sie nicht sehen, aber ich schon.
Ich bin schließlich Maskenbildnerin.

Ich habe versucht, die Angst mit rosa Schminke zu übermalen.

Dann war sie rosa.

Ich habe grüne Schminke genommen.

Dann war sie grün.

Ich habe Glitzer darübergestreut.

Dann war es eine glitzernde Angst.

Sehr hübsch.
Aber immer noch Angst.

Da habe ich dem König gesagt:
„Mut ist, wenn man trotzdem auf die Bühne geht.“

Der König hat gesagt:
„Trotz was?“

Ich habe gesagt:
„Trotz der Angst.“

Der König hat gesagt:
„Kann die Angst nicht alleine gehen?“

Das fand ich eine gute Frage.

Also habe ich die Angst geschminkt.

Zwei rote Backen.
Eine blaue Nase.
Sechs Sommersprossen.
Und einen winzigen Schnurrbart.

Jetzt sieht die Angst sehr albern aus.

Der König lacht.

Der Bart brüllt.

Die Puderquasten verstecken sich im Mülleimer.

Und ich?

Ich gehe jetzt auf die Bühne.

Obwohl ich meinen Text nicht kenne.

Obwohl ich gar nicht mitspiele.

Obwohl an meinem linken Schuh ein Löwenbart hängt.

Das ist Mut.

Oder ein Unfall.

Manchmal sieht beides fast gleich aus.

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