Ich glaube nicht an Dinosaurier

Die Bühne ist ein Asphaltstreifen vor einer Bushaltestelle. Ich sitzt auf dem Boden, umgeben von Plastikdinosauriern.

Ich: (zum Publikum) Neulich habe ich einer Fremden zu viel erzählt.

(Die Fremde tritt auf den Asphaltstreifen)

Ich: Hey.

(Die Fremde bleibt stehen)

Ich: Ich war letztens in Ho Chi Minh City. Die Markise, die über der Türschwelle an meinem Hostel hing, war mal wieder gefüllt mit Wasser. Rund geformt, wie ein prall gefüllter Bauch. In der Gasse hing sehr viel mehr Nebel als sonst. Die Alten saßen äußerst elegant auf Reissäcken vor ihren Garküchen. Ich habe mir exakt sieben Frühlingsrollen bestellt, ich weiß noch, dass ich seit bestimmt drei Tagen nichts gegessen hatte. Ich schwöre dir, ich habe mich so erschrocken, als plötzlich Benjamin hinter mir stand. Mit seinen silbernen Zähnen und so. Der wollte, dass ich schnell mitkomme, wohin war unklar. Ich habe die Frühlingsrollen dann einem Hahn geschenkt, der sich sichtlich gefreut hat.

(Die Fremde hustet)

Ich: Ey, wir sind dann zu einer Paleo-Vernissage gegangen. Da war nur so Kunst mit Urzeitechsen. Zeitalter der Reptilien hieß da ein Kunstwerk; mega Farben. Der Triceratops in einem exquisiten grau. Ich sehe meine Lippen immer noch auf den Hornplatten seines Mundes liegen.
Ich stehe da eigentlich nur so unangenehm rum und dann ist da auf einmal Foucault; mann der sieht eigentlich aus wie Steve Jobs.

(Die Fremde guckt auf ihr iPhone)

Ich: Wir sind dann mit ihm auf einen Parkplatz gegangen. Da stand so elfenhaft ein Tesla Modell X. Wir dann so 200km/h, Strobolight, Benjamin kotzt aus dem Fenster. Der Asphalt unter uns verwandelt sich in Sand. Ab wann ist die Akkumulation von Sand eigentlich ein Strand?

(Die Fremde dreht ihren Kopf suchend zur Seite)

Ich: Am Strand haben wir uns dann nackt ausgezogen und in die Wellen geschmissen. Focaults Lippen haben sich gerade auf sehr umständliche Art und Weise an Benjamins Hals festgesaugt, als ich dort hinten bei den Dünen Schattengestalten wandeln gesehen habe. Teils hünenhaft, andere geduckt, tanzten die da über den Sand. Abseits flirrten auch welche flach über den Boden, als hätten sich die Körper von ihrer ursprünglichen Materialität entfernt. Ich bin dann weg vom Strand. Hinter mir haben faserige Tentakel versucht Kontakt zu meinem zentralen Nervensystem aufzunehmen. Zum Glück haben mich Benjamin und Foucault dann auf E-Scootern eingesammelt. Wir sind dann zurück zur Paleo-Vernissage. Das Gebäude war nun leer, nur hinten in einem Raum hat fahles Licht gebrannt. Stell dir vor wir öffnen die Tür; Explosionsartig fliest das Licht uns entgegen und da liegen wohl sortiert bunte Häufchen an Plastikdinosauriern. In ihren Augen eine eigenartige Abneigung. Ich habe Foucault dann gefragt, ob diese Echsen nur eine alternative Verkörperung meiner selbst sind. Er hat nur gesagt, dass die missgebildeten Monstren unserer selbst abends am Strand wandeln. Hier jedoch haben sie die Gestalten in Dinosaurier gegossen, denn der Anblick ihrer echten Beschaffenheit ist für die meisten dann doch zu traumatisch.
Im fiebrigen Wahn habe ich dann massenhaft Dinos in meine Taschen verstaut und den Ort auf einem E-Scooter verlassen. No joke, das war so scary!

Die Fremde: Du ich habe echt noch n Termin.

(Die Fremde verlässt den Asphaltstreifen)
(Ich schiebt die Dinosaurier zu einem Haufen zusammen)

Kommentare

  1. Von Niki am

    Sehr zeitgemäß! Kein Dialog, schlicht eine Narration.

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