Kaugummi

Alle Schauspieler tragen schwarze, neutrale Kleidung.
Schauspieler A trägt zusätzlich eine Krawatte.
Schauspieler A steht auf, stellt sich vorne an den Rand der Bühne und tut so, als würde er in einen Spiegel blicken, um sich zurechtzumachen und redet mit dem Publikum:

„Ich bin Rechtsanwalt. Ich kleide mich immer sehr schick, wenn ich aus dem Haus gehe, weil es mein Arbeitgeber so von mir verlangt. Er sagt, einen Mann ohne Krawatte wolle niemand haben. Diese Krawatte muss möglichst gepflegt oder groß sein. Das ist ihm wirklich sehr wichtig. Er selbst pflegt diese Ansprüche sogar bei seinen Praktikanten, besonders bei seinen Praktikanten! Bei unzureichender Bedürfniserfüllung können sie ansonsten sehr schnell entlassen werden. Ja, so ist mein Chef. Deswegen gehe ich immer mit einer Krawatte vor die Tür. Meine ist schwarz. Sie ist kaum von anderen zu unterscheiden, aber sie ist von Dior. Für seinen Arbeitgeber blättert man da auch mal ein bisschen mehr hin, nicht wahr? Sein Interesse zu gewinnen ist nämlich gar nicht so einfach, vor allem nicht, wenn man nicht die schickste Krawatte trägt, mit Leopardenmuster zum Beispiel oder eine rot-weiß-karierte. Dann sieht er einfach durch dich hindurch. Du bist unsichtbar. Ohne Krawatte bist du nichts wert, ein Niemand. Ja, als ein Niemand fühlt man sich. (kurze Pause) Aber, was soll’s, was soll man auch machen?
Heute muss ich mich jedenfalls besonders schick machen. Ich habe meine äußere Erscheinung jetzt bestimmt schon 100mal überprüfen müssen. Ich muss sagen, ich bin schon etwas aufgeregt. Er hat mich nämlich zum Essen eingeladen, mein Chef. Das macht er häufig mit neuen Praktikanten, aber nur selten bei seinen richtigen Angestellten. Vielleicht hatte er gesehen, dass meine Krawatte nur für ihn mit extra Nadeln an meinem Hemd festgetackert war. Das hat zwar manchmal etwas gepikst, aber scheinbar war es die Mühe wert. Er hat mir sogar den Tipp gegeben, es mit Kaugummi zu versuchen. Kaugummi solle kleben! Auf so eine Idee bin ich auch noch nicht gekommen. So solle alles besser halten. So kann ich ihm vielleicht beweisen, dass ich die Mühe wert bin. Ich bin es doch wert, oder?“

Schauspieler A geht ins Off und Schauspieler B geht nach vorne:

„Nachts, da gehe ich nicht gerne raus. Tagsüber eigentlich auch nicht so gerne, aber da ist es nunmehr seltener. Tagsüber ist das Prozedere aber eben meist auch nicht zu vermeiden. Ich gebe mein Bestes, um nicht aufzufallen. Ich ziehe mir manchmal zwei Pullis über, in der Hoffnung, dass ich damit übersehen werde. Ich könnte mir eine Perücke aufsetzen, die mich unkenntlich macht. Ich könnte Alkohol trinken, um die Gegend blind und taub zu erkunden. Aber, das alles ist keine Lösung. Ich würde doch nur alles schlimmer machen. Also gehe ich heute auf die Straße. Ich trage einen langen Mantel, der meinen Körper doch irgendwie vor fremden Augen schützen soll, der mich schützen soll. Doch ein Mantel hält Blicke leider nicht wie eine Mauer auf. Sie bleiben an dir. Kleben an dir, wie ein Kaugummi. Es klebt in deinen Haaren oder unter deinen Schuhen. Es kann aber auch auf deinem Po, auf deiner Brust kleben. Wenn deine Intimität schon vollkommen verklebt ist und es dir nun schwer fällt die genannten Wörter von deinen neuen gedachten zu unterscheiden, fällt dir ein, du hast das Spülmittel vergessen. Dann gehst du nochmal los. Du schließt die Tür, biegst um die nächste Ecke und die nächsten Blicke fangen deinen Körper ein. (Schauspieler B geht rückwärts. Weitere Schauspieler bilden um ihn einen Pulk, starren auf ihn, lachen, tuscheln. Schauspieler B fühlt sich sichtlich unwohl. Er beginnt langsam und wird schneller, wie in der Beschreibung) Du gehst langsam los. Du willst zeigen, „Ich habe keine Angst!“ Aber du hast ja Angst und die geht auch nicht weg. Und du wirst dann doch schneller. Du hörst die ersten Lacher, versuchst dich noch weiter hinter deinem Umhang zu verstecken, aber ein Superheld bist du nunmal nicht. Du bist kein Superheld! (Schreiend:) Ich bin kein Superheld! (Der Pulk löst sich auf und die anderen Schauspieler verschwinden ins Off) Und dann hast du es irgendwann geschafft. Die Blicke lösen sich, der Kaugummi bleibt. Alles klebt. Zu Hause angekommen benutzt du das Spülmittel, um den Schmutz zu lösen, den Tipp hattest du im Internet gelesen, aber er bleibt hängen, der Kaugummi. Du fragst dich, ob du etwas falsch gemacht hast, weil ja, bestimmt hast du das. Das muss ja deine Schuld gewesen sein. Irgendwie liegt die Schuld immer bei dir. Die Kaugummireste bleiben schließlich doch überall kleben.“

Kommentare

  1. Von Toni am

    Wow, ich bin beeindruckt, wie dieses wichtige Thema verpackt wurde. Das kann ich mir auch sehr gut auf einer Bühne vorstellen.

  2. Von Marie am

    Ich bin zwar fasziniert vom Text, den angesprochenen Themen und der bildlichen Darstellung auf der Bühne, muss mich aber fragen, was dieser Text mit dem gegebenen Thema “Zeit” zu tun hat. Mir gefällt die Überleitung von Schauspieler A zu Schauspieler B, aber meiner Meinung nach hätte Schauspielers A Teil kürzer sein können.

  3. Von Amelie am

    Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass der/die Schreiber*in unsere Gegenwart als die „dramatische Zeit()“ interpretiert hat, die auch meiner Meinung nach in jedem Fall Überarbeitung braucht! Ich finde es toll, dass in diesem Kontext eben auch komplexe Themen gesehen und gehört werden. Nur so kann sich auch was ändern. Daher ein großes Lob von mir!

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