Erdbeer Elend

(Zwei Mädchen sitzen an einem Pult hinten im Klassenzimmer, sie stecken die Köpfe zusammen und sprechen.)

Nena: Sie haben die Spielzeugabteilung im Karstadt leer geräumt.
Iphi (nachdenklich): Das ist es jetzt also, das Erwachsenwerden.
(Sie sitzen still)
Nena: Fühlst du dich anders?
Iphi: Ich fühle mich total verarscht. Weil sich keiner in mich verliebt hat. Und ich kann immer noch nicht in High Heels laufen und Auto fahren und Bänke reparieren und bin auch nicht Sängerin oder Schauspielerin geworden.
Nena: Ich wollte immer Model werden. Denkst du manchmal auch, dass diese ganze Freiheit, die uns nach dem Abi versprochen wird, vielleicht nur ein Trick ist?
Iphi: Ein Trick?
Nena: Damit wir uns vor unserem Berufsleben, das dann nur in Endlosschleife ist, noch mal richtig austoben können und dann für immer mit dem Bravsein einverstanden sind.
Iphi: Hundertfünfzig Prozent! Das ist hier überhaupt nicht viel mit Freiheit. Die möglichen Wege sind an zwei Händen abzählbar. Die dürfen wir jetzt einschlagen, wie Tausende vor uns ebenso. Studieren? Familie gründen? Reisen? Ist doch alles ein massengefertigtes Raster. Man müsste sich mal was Neues ausdenken, das wäre wirklich frei.
Nena: Was ist denn Freiheit überhaupt?
Iphi: Freiheit ist, selbst die ganze Welt neu definieren. Freiheit ist im Regen schmelzen. Freiheit ist Schreien, weil jeder Schrei einzigartig ist.
(Beide schreien schrill, die Klasse dreht sich verdutzt nach ihnen um.)
Nena (schnell): Bloß ein Viech!
Iphi: Ich finde, es wäre jetzt überaus frei, den Tag am See zu verbringen. Dann können wir uns neue Wörter ausdenken. Und neue Sachen. Eine neue Sprache, die nur das Herz sprechen kann.
Nena: Ja! Und Erdbeeren kaufen wir.
(Die beiden schauen sich lachend in die Augen. Das Bild friert ein, es kommt eine Stimme aus dem Off.)
Erzähler: Iphi und Nena sind heute längst erwachsen, aber diesmal so richtig. Sie haben sich seit Jahren nicht mehr sehen können, weil das Leben, Kinder und Beruf es nicht zugelassen hatten. Beide wussten allerdings, dass dies nur ein Vorwand war und sie sich eigentlich aus dem Weg gingen, um nicht an diese elende Freiheit denken zu müssen, die sie damals beim Erdbeerenessen am See zum letzten Mal gespürt hatten.

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