5392-anwesend!

(KZ-Neuengamme am 03.05.1945, Versammlungsplatz, unter hunderten Insassen steht Lasse in Reih und Glied, SS-Soldaten gehen herum und kontrollieren)
Lasse steht in der ersten Reihe und denkt: „Bloß keine Bewegung, sonst blüht mir der Tod!“
(Jemand wimmert, ein Junge vielleicht zehn Jahre, steht neben ihm, er hat Aufschürfungen an Stirn, Armen und Beinen.)
(SS-Soldat bleibt abrupt stehen und zeigt wütend mit dem Finger auf den Jungen.)
Soldat: “Dort, nehmt ihn fest! Warum ist der noch da? Der sollte doch schon längst in Dachau sein! Verdammter Itzig!“
(Lasse erstarrt. Ein fragender, erschreckter Gesichtsausdruck zeichnet sich auf seinem Gesicht.)
Lasse (innerlich): „Gott sei Dank nicht ich.“ (Seine Miene ist hart)
Lasses (innerlich, man sieht langsam die Zerrissenheit in seiner Mimik): „Aber der Kleine hat es nicht verdient. Niemand hier hat es verdient! Es reicht!“
(Sich selbst ermahnend):“Du bist nicht bei Sinnen! Du weißt, dass keine Rettung kommen wird, warum also opfern und den Helden spielen? Bleib lieber so lange am Leben, wie du kannst.“
(Währenddessen schnappen sich die Nazis den Jungen und tragen ihn auf eine Tribüne.)
Lasse verfolgt die Szene (innerlich): „Ich weiß, was jetzt kommt. Ich habe es schon zu oft gesehen, zu oft geschwiegen. Mama und Papa sind tot. Und ich habe weiter geschwiegen. Soll ich doch sterben! Dieses Leben ist kein Leben. Tag für Tag schuften. Wofür? (Seine innere Stimme wird ruhig bei dem Gedanken)-Ich könnte wieder bei meinen Eltern sein!“
Lasse (innerlich): „Sterben wäre Glück! Aber die Folter! Was ist, wenn ich doch überlebe. Wenn es…? Es ist nicht recht. Es ist hier NICHTS recht!“
Lasse (mit fester Stimme) : „Warum nehmt ihr ihn? Er ist kräftiger als die meisten hier!“
Kommandant:“ Aufständiger Jude, hast wohl noch nicht genug die Macht der arischen Rasse gespürt! Das werden wir dir austreiben! NUMMER!“ (Ein diabolisches Lächeln im Gesicht des Kommandanten)
Lasse (hasserfüllt):“5392 anwesend!“
Kommandant (spuckt die Wörter aus): “Versuchst du mich zu verhöhnen, typisch! ZÄHLEN!“
(Zwei Soldaten packen Lasse. Er wird an ein Gestell fixiert)
Lasses (innerlich): „Der „Stuhl“, dass überlebe ich nicht. Das ist das Ende“
Lasse (laut und fest):“ Eins (er stöhnt vor Schmerz), zwei…“
(Panischer NS-Soldat kommt angestürmt): „Tommys ums Lager, überall, rette sich, wer kann!“
(Briten stürzen schreiend durchs Tor. Erstarren bei Anblick des Schauspiels. Besinnen sich. Feuern auf die Nazis.)
Brite:”Kill Fritz! Save the prisoners!”
(Alle laufen durcheinander. Nur die beiden Jungen sind noch an ihrem Platz.)
Ein britischer Arzt mit Rotkreuzbinde am Arm kommt auf die Jungen zu und lächelt: „Hello, PEACE, Freedom!“
-Ende-

Kommentare

  1. Von Verena Röschmann am

    Ein beeindruckender Beitrag, der für das Alter der Verfasserin außergewöhnlich einfühlsam geschrieben ist. Besonders die inneren Monologe machen die Angst und Zerrissenheit der Hauptfigur spürbar und sorgen für echte Gänsehaut. Das Minidrama zeigt, wie Mut selbst in einer grausamen Situation sichtbar werden kann.

  2. Von Cremieux am

    Gut geschrieben

  3. Von Vach, Gabriele am

    Es geht um Leben und Sterben, um Angst, Stillhalten, Aufbäumen und Mut in einer ausweglosen Lage des Lagerhäftlings Lasse. Sehr deutlich ist seine Gedankenwelt beschrieben , alle Gefühlsregungen können intensiv nacherlebt werden. Sie führen schließlich zum Aufbäumen gegen das ungerechte, willkürliche Handeln der SS – Schergen. Dieses minidrama lässt mich als Leser sehr bewegt und betroffen reagieren. Wie mutig oder ängstlich handle ich
    in scheinbar auswegslosen Situationen ? Es lässt meine Gedanken lange nicht zur Ruhe kommen und rüttelt mich auf. Danke für dieses beeindruckende minidrama !

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