Adler müssen fliegen…

Personen: Psychiater Gregor Stein (P), Artistin Lia Güldenau (A)

Feierabend: Psychiater Gregor Stein hat schon längst seine Praxis geschlossen und steht jetzt vor der Kletterwand am Kräherwald. Man kennt ihn dort, es ist ja sein Hobby. Er kommt 5x in der Woche abends dorthin.
Er fängt an zu klettern. Auf der Hälfte der Strecke begegnet ihm eine Frau.
A: Hallo, müssen Sie auch den Kopf frei kriegen?
P: Ja. Übrigens, wie sehen Sie denn aus? Wie ein panischer Hase, den ich gerade bratfertig mit Blaubeeren, Zitronen und Engelshaar gefüllt in den Backofen gesteckt habe um ihn ja nicht ansehen zu müssen.
A: Haben sie immer so einen beleidigenden Humor? Ist ihnen wahrscheinlich angeboren. Oder haben Sie das jetzt als Kompliment gemeint? Wenn ja, müssen Sie da echt noch dran arbeiten! Wo wir gerade dabei sind, ich bin Lia Güldenau, Artistin und Sie?
P: Gregor Stein, Psychiater. Frauen sind schrecklich kompliziert. Wussten Sie, dass Ihr Frauen auf 37 Arten ‘Aha’ sagen könnt?
A: Nein, wusste ich nicht. Nebenbei bemerkt, man könnte es schon als mutig bezeichnen, dass Sie sich trauen, solch unverschämte Komplimente zu machen.
Er schweigt.
Beide klettern weiter in der frühlingshaften Natur.
P: Schauen Sie, ein Adler. So etwas würde gut in meine Praxis passen. Dann könnte ich Patienten wie Sie mit ihren Wahnvorstellungen vorm Fliegen helfen.
A: Ich schätze, das war einfach nur eine Fata Morgana.
P ängstlich, arrogant: Was wäre, wenn da jetzt wirklich einer oben wäre und uns angreift? Ist ja schließlich Brutzeit. Wie würden wir uns retten? Würden Sie mich retten? Wären Sie mutig genug?
A: Wie dreist sind Sie, dass ausgerechnet Sie mich fragen, ob ich mutig genug sei. Wissen Sie überhaupt was Mut ist?
P: Sie halten mich wohl für außerordentlich dumm? Soll ich Ihnen Mut jetzt wissenschaftlich oder frauenversteherisch erklären? Und außerdem, ihr Frauen steht doch auf Emanzipation!
A: Müssen sie immer so zynisch sein?
P: Für mich ist Mut, jemanden zu retten und natürlich immer zu behaupten, es sei alles falsch, was andere sagen oder machen, auch wenn es richtig ist.
A: Für Sie ist das also Mut. Sie enttäuschen mich.
P: Ich wusste nicht, dass ich Sie begeistern muss!
A: Für mich ist Mut, zu seiner eigenen Meinung zu stehen, auch wenn sie sich komplett von jeder anderen unterscheidet. Ich habe Mut, doch Mut kann manchmal tödlich sein. Und das wünsche ich nicht mal Ihnen.
P (schluckt, lächelt verlegen): Ich habe Angst vor vielen Menschen. Jeden Tag in der U-Bahn muss ich mutig sein. Sonst gäbe es keine Praxis. Und ich habe Angst vor Tieren, einem Adler zum Beispiel.
A lächelt leicht: Vorhin wollten sie noch einen Adler in ihrem Büro haben.
P: Nur dass Sie es wissen: Mut bedeutet nicht ein Leben zu nehmen, sondern es zu bewahren! So, wie ich sie bewahren will.
A: Das hätte ich ihnen nicht zugetraut, plötzlich so nett. Und trotzdem: Ihre Unverschämtheit und Selbstliebe bringt sie noch um alles!
P: Es wäre gelogen, wenn ihr krankhafter Ehrgeiz und ihre Schlauheit sie nicht immer mehr an den Abgrund treiben.
A: Ein Sprichwort sagt: „Spring einfach und lass dir auf dem Weg nach unten Flügel wachsen.“
A denkt nach: Warum bin ich so unfreundlich? Warum habe ich mich von ihm so provozieren lassen?
P denkt nach: Hoffentlich hatte sie Unrecht, was den Adler betrifft.
Sie klettern höher, plötzlich greift ein Adler sie an. Der Adler fliegt auf die Frau zu. Reflexartig und ohne nachzudenken verteidigt er sie und schlägt den Angreifer in die Flucht.
Als sich P umdreht, sieht er mit Erschrecken, dass die Frau plötzlich nicht mehr da ist.
P: Was ist passiert? Ich weiß nicht mal, ob sie gesichert ist. Hat sie Flügel bekommen? Hat der Adler sie fortgetragen? Hat sie einen Salto vom Hochseiltrapez gemacht und wird dann von einem Sicherheitsnetz aufgefangen?
Der Wind flüstert, plötzlich ist Stille.
Alles ist möglich, wenn Du nur genug Mut dazu hast (Ginny Weasley in Harry Potter und der Orden des Phönix)

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