Der letzte Wurf

(Nacht. Eine heruntergekommene Wohnung. Jimmy Joe sitzt nervös auf dem Sofa. Schwere Schritte nähern sich. Dann: Sehr lautes Bollern an der Tür)
Jimmy Joe (erschrickt): Wer zur Hölle?
(Noch bevor er den Satz beendet, öffnet er die Tür. Davor stehen Don Gustavo und seine beiden Bodyguards Luigi und Mario. Luigi und Mario betreten sofort die Wohnung und sichern jeden Raum. Dann tritt Don Gustavo langsam ein.)
Jimmy Joe: Gustavo… bitte. Ich kann doch nichts dafür, dass ich alles verloren habe. Gib mir noch eine Chance.
Don Gustavo (ruhig, fast freundlich): Ich will meine zwei Millionen.
Jimmy Joe: Gib mir noch ein bisschen Zeit. Nur ein paar Wochen.
Don Gustavo: Zeit? Du hattest Monate. Jede Woche dieselbe Geschichte. Heute bist du pleite. Morgen bist du reich. Übermorgen zahlst du alles zurück. Ich habe genug von Geschichten.
(Jimmy senkt den Blick)
Jimmy Joe: Das Casino hat mich zerstört, es hat mir alles genommen.
Don Gustavo (grinst): Nein, das Casino hat dir nur gezeigt, wer du wirklich bist.
(Stille. Gustavo geht langsam durch die Wohnung und betrachtet die leere Wohnung.)
Don Gustavo: Weißt du, was ich an Menschen mag, Jimmy?
Jimmy Joe: Nein, was?
Don Gustavo: Den Moment, bevor sie alles verlieren. Da werden sie ehrlich.
(Jimmy schluckt)
Jimmy Joe: Was willst du von mir?
Don Gustavo: Mein Gled.Die zwei Millionen.
Jimmy Joe: Die habe ich aber nicht…
Don Gustavo: Ich weiß. Deshalb gebe ich dir zwei Möglichkeiten.
(Luigi legt einen Aktenkoffer auf den Tisch. Mario verschränkt die Arme.)
Don Gustavo: Möglichkeit eins: Du arbeitest für mich. Keine Fragen. Keine Ausreden. Solange, bis deine Schulden beglichen sind.
Jimmy Joe (zögernd): Und die zweite?
(Gustavo öffnet den Koffer. Darin liegen ein Würfel und ein großes Messer)
Don Gustavo (lächelt): Ein Spiel.
Jimmy Joe: Ein Spiel?
Don Gustavo: Ein einziger Würfelwurf. Du tippst auf gerade oder ungerade.
Jimmy Joe: Und wenn ich gewinne?
Don Gustavo: Die zwei Millionen sind vergessen. Für immer.
Jimmy Joe (ungläubig): Einfach so?
Don Gustavo: Einfach so.
Jimmy Joe: Und wenn ich verliere?
(Gustavo nimmt das Messer in die Hand und streicht mit dem Finger über die Klinge)
Don Gustavo: Dann verliere ich das Interesse an deinem Geld.
Jimmy Joe: Was bedeutet das?
Don Gustavo (flüstert): Aber ich behalte deine rechte Hand.
(Jimmy wird blass. Luigi und Mario bleiben regungslos)
Jimmy Joe: Du bist verrückt.
Don Gustavo (lacht): Das sagen viele. Meistens kurz bevor sie spielen.
(Lange Stille. Jimmy starrt auf den Würfel)
Jimmy Joe: Und wenn ich für dich arbeite… wie lange?
Don Gustavo: Vielleicht Jahre, vielleicht ein Leben lang.
Jimmy Joe: Und das Spiel?
Don Gustavo: Dauert wenige Sekunden.
(Jimmy atmet schwer. Seine Hände zittern)
Don Gustavo: Also, Jimmy Joe. Jahre Schuften.. oder ein Wurf.
(Jimmy blickt zum Messer. Dann zum Würfel. Dann zu Gustavo)
Jimmy Joe: Gerade.
(Ein breites Grinsen erscheint auf Gustavos Gesicht)
Don Gustavo: Mutig.
(Er nimmt den Würfel in die Hand)
Don Gustavo: Bereit?
(Jimmy antwortet nicht. Schweiß läuft über seine Stirn)
(Gustavo wirft den Würfel über den Tisch. Er springt über die Holzplatte, dreht sich immer schneller und rast auf die Tischkante zu)
(Alle Augen sind auf den Würfel gerichtet)
(Der Würfel fällt aus dem Blickfeld)

Ende

Kommentare

  1. Von Pippin am

    Hast du schon einmal daran gedacht, einen Thriller zu schreiben?
    Ganz ehrlich, das Ende hat meine Erwartungen übertroffen – und im Nachhinein ist es das einzige Ende, das wirklich Sinn ergibt und passt.
    Auf der Bühne würde das Drama sicher auch funktionieren. Hauptsache, Don Gustavo wird von jemandem gespielt, der irgendwie einschüchternd wirkt.
    Die Geschichte gehört auf jeden Fall zu meinen Top Ten in diesem Wettbewerb (und ich lese echt jede einzelne).

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