Hinter dem Vorhang
(Hinter der Bühne. Dunkelheit. Man hört das gedämpfte Murmeln des Publikums. Ein Lachen aus dem Saal. Alessio steht hinter dem Vorhang. Seine Hände zittern. Er hält das Skript fest, die Seiten sind zerknittert.)
Eva: Alessio?
(Keine Antwort.)
Eva: Du bist an der Reihe.
Alessio: Ich weiß.
(Eva tritt einen Schritt näher. Ihre Hand zuckt zu seiner Schulter, bleibt in der Luft hängen – sie zieht sie zurück.)
Eva: Dann geh.
Alessio: Ich kann nicht.
Eva: Wie du kannst nicht? Die Leute warten schon.
Alessio: Na, dann sollen sie eben weiter warten.
Eva: Du hast den Text tausendmal einstudiert.
Alessio: Nicht vor ihnen.
(Er schaut zum Vorhang.)
Alessio: Nicht mit diesen Blicken auf mir.
Eva: Sie erwarten keine Perfektion.
Alessio: Nein. Sie erwarten, dass ich ihnen etwas vorspiele. Dass ich ihnen zeige, was sie sehen wollen.
(Eva wird still.)
Alessio: Ich gehe da hinaus. Ich lächle. Und sie sehen zu und glauben für einen Moment, dass alles anders ist.
Eva: Alessio…
Alessio: Was bringt es, eine bessere Welt darzustellen, wenn draußen niemand etwas verändert?
(Er lacht nervös.)
Alessio: Menschen haben Angst. Dinge passieren. Und wir stehen hier und spielen weiter.
(Er schaut zum Ausgang der Bühne.)
Alessio: Der eigentliche Zweck ist vielleicht, dass wir lernen, wegzusehen. Menschen, die für zwei Stunden einfach vergessen.
(Stille. Das Publikum wird unruhiger.)
Eva: Du hast Angst.
Alessio: Ja.
(Er schaut auf seine zitternden Hände.)
Alessio: Angst, dass morgen niemand mehr anruft. Dass ich nicht mehr gebraucht werde. Ich habe Angst, dass ich da hinausgehe und merke, dass ich nur Teil davon bin.
Eva: Teil wovon?
(Alessio antwortet nicht.)
(Ein Signal ertönt.)
REGIESTIMME: Auftritt.
(Alessio steht im Licht. Einen Moment lang ist er nur ein Mensch, kein Schauspieler. Er lächelt. Dunkelheit. Trommelwirbel. Beckenschlag. Dann setzt die Musik ein.)
Alessio (als Conférencier, singt):
♬
♫* WILLKOMMEN, BIENVENUE, WELCOME! ♫*.°
FREMDE, ETRANGER, STRANGER.
GLUCKLICH ZU SEHEN, JE SUIS ENCHANTE, ♬
♫*.° HAPPY TO SEE YOU, BLEIBE, RESTE, STAY,
♫*.°
WILLKOMEN, BIENVENUE, WELCOME. IM CABARET, AU CABARET, TO CABARET, *♬
(Gesprochen)
MEINE DAMMEN UND HERREN,
MESDAMES ET MESSIEURS,
LADIES AND GENTLEMEN!
GUTEN ABEND, BON SOIR,
GOOD EVENING! WIE GEHT’S…
COMMENT CA VA? DO YOU FEEL GOOD? (I BET YOU DO)
ICH BIN EUER CONFRENCIER, JE SUIS VOTRE COMPERE
… I AM YOUR HOST!!¹
¹Aus: Cabaret (Musical), Musik: John Kander, Liedtext: Fred Ebb, 1966.