Leih mir deinen Mut

A und B sitzen zusammen. A hat einen offenen Laptop.
A: (jammernd) Ich kann das nicht!
B: (ruhig) Doch, du kannst.
A: Aber das ist ein Wettbewerb auf Landesebene! Da machen hunderte Menschen mit, die meisten davon schon erwachsen! Alle dort haben mehr Erfahrung als ich! Neben denen wird mein Text klingen wie das Gebrabbel eines Kindergartenkindes und…— (Unterbrechung durch B, B steht ruckartig auf)
B: (eindringlich) Jetzt hör mir mal zu. Ich habe deine Geschichte gelesen. (A sieht B erschrocken an) Ich weiß, ich habe dir versprochen, es nicht zu tun, aber ich hab‘s gemacht, okay? Und ich finde sie gut! Nein, vergiss es, ich finde sie unglaublich! Und ich schwöre, wenn du diese Geschichte jetzt nicht sofort bei diesem Wettbewerb einreichst, dann… (resigniertes Seufzen) Ich geb‘s zu, ich hab noch kein Dann, aber glaub mir, wenn ich sage, ich finde eins! (Nachdrücklich) Du. Wirst. Das. Jetzt. Abschicken.
(Kurze, beidseitige Stille)
A: (zögerlich und weinerlich) Ich hab einfach Angst, okay? Davor, dass keiner meine Geschichte mag, davor, dass ich als unerfahren abgestempelt werde, davor, dass ich mich selbst enttäusche. Was, wenn ich nicht mein Bestes gegeben habe?
B: (setzt sich wieder hin, jetzt ruhiger) Ich mag deine Geschichte. Sie ist unfassbar schön und ich könnte sowas nie, nie, niemals schreiben. Ja, die meisten anderen dort sind älter und haben schon mehr geschrieben. (A schluchzt) Aber, und das darfst du nicht vergessen: Auch die haben irgendwann mal angefangen. Sie hatten auch Angst, wie du. Aber sie haben es durchgezogen. Und seitdem haben sie noch viel mehr geschrieben und immer wieder den Mut gefunden, es mit anderen zu teilen. Dadurch sind sie besser geworden. Durch Kritik lernst du aus deinen Fehlern, um beim nächsten Mal noch besser zu sein.
A: (wischt sich über die Augen) Du hast ja Recht. Trotzdem weiß ich nicht, ob ich schon bereit bin. Ich bin nicht so wie du. Ich kann nicht immer gleich das Beste in allem sehen.
B: Bitte denk wirklich nochmal darüber nach: Was hast du zu verlieren?
A: Ich… (ratlos)
B: Schau, nichts!
A: Ja, aber ich hab auch nichts zu gewinnen! Ich meine, zu glauben, dass ich bei der Konkurrenz eine Chance auf einen der Preise habe, wäre echt größenwahnsinnig!
B: Aber darum geht es doch gar nicht. Es geht darum, dass du dich traust und einfach mal anfängst. Ja, du wirst wahrscheinlich nicht gewinnen. Na und? Du hast dich überwunden und es abgeschickt. Und, da bin ich mir sicher, irgendjemand, der deine Geschichte liest, wird sie mögen, vielleicht sogar lieben.
A: (seufzt, unentschlossen) Stimmt schon…
B: Wie ich es sehe, hast du jetzt zwei Möglichkeiten: Erstens: Du verschwendest noch dutzende Stunden damit, diesen Text hundertmal öfter zu überarbeiten. Oder Zweitens: Du schickst ihn jetzt ab und machst dann weiter. Das kann dein erster Schritt sein. Es ist vollkommen egal, ob du damit erfolgreich bist, wichtig ist nur, dass du ihn machst. In einem Jahr hast du dann vielleicht schon mehrere neue Geschichten geschrieben, an anderen Wettbewerben teilgenommen und die Erfahrung gesammelt, die dir jetzt fehlt.
A: (lächelt) Okay, okay. Du hast mich überzeugt. Vielleicht ist es wirklich Zeit, einfach mal anzufangen und dann weiterzumachen.
B: (grinst) Das ist die richtige Einstellung. Ich wusste, dass du das kannst. Sich seinen Ängsten zu stellen, das schaffen nicht viele.
A: (freut sich) Danke.
B: Nichts zu danken.
A: Doch. Ohne dich hätte ich das nämlich nicht geschafft. Aber das nächste Mal frag mich bitte, bevor du meine Geschichte liest, in Ordnung?
B: (nickt) Aber nur, wenn du mir auch etwas versprichst.
A: Was?
B: Das nächste Mal, wenn du Zweifel hast oder dich vor etwas fürchtest, zögere nicht, mich oder jemanden anderen um Hilfe oder Rat zu bitten. Du musst dich deinen Ängsten nicht allein stellen. Nur weil du Unterstützung brauchst, macht dich das nicht weniger mutig.

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