Lieber ohne Mantel

[Ein kleines Zimmer, Deutschland, 1917]
[Wilhelm, Johan und Georg, alle ca. 11 Jahre alt.]
[Wilhelm liegt auf dem Bett, Johan liest ein Buch, Georg schaut aus dem Fenster]

Georg: Meint ihr, dass es aufhören wird zu regnen?
Johan: Wohl kaum. Wenn es einmal beginnt, hört es selten auf.
Georg: Naja, ich habe keinen Mantel hier. Als ich hergekommen war, da gab es noch keine Wolke am Himmel. Nun ist es so dunkel, so düster mit denen dort oben, wie sie sich über die Stadt flüchten. So gross, so klein, so grau, so weiss. Ja, da dreht mir mein Kopf. Genau so lange habe ich diese Wolken beobachtet.
Friedrich: Tja, wärst du Consul Städters Sohn, so müsstest du nicht vor dem bisschen Hagel bangen. Jaja, den habe ich neulich durch die Strassen spazieren gesehen, im neuen Jaguarmantel aus Indien. Wie er die Brust hinausgestreckt hatte!
Georg: Ich weiss nicht. Zu Hause haben wir kein Holz. Das Wasser ist alle. Das Brot ist fort…
Johan: Dann musst du wohl warten. Oder nach Hause rennen.
Georg: Dann kann ich aber krank werden. Mich ganz böse erkälten… Ja, der Typhus ist überall. Alleine ich bin meiner Mutter geblieben. Alleine ein Sohn, die anderen sind dort, dort fernab der Grenze im Schlamm verschollen… Das könnte ich ihr nicht antun.
Johan: Dann übernachte bei uns. Auch bei mir ist meines Bruders Zimmer leer.
Georg: Ich weiss nicht ganz recht. Hier ist es mir fremd.
Friedrich: Welch Glück, dass ihr ein Zimmer habt. Meine Mutter hat meins ausgeräumt. Falls die Behörden kämen. Sie könnte sagen, dass ich nicht hier sei.
Johan: Was macht ihr, wenn sie kommen?
Georg: Was mag ich machen. Das „von” fehlt in meinem Namen. Ich mag wohl schlecht Salz in den Acker schütten, den Verrückten spielen. Ja, ich werde schon früh am Morgen bereitstehen, mit gepackten Sachen, und mich mitnehmen lassen. Mir fehlt die Macht. Ja, dann akzeptiere ich es, bevor ich es bereits fürchten muss.
Friedrich: So einfach? Ich würde mich verstecken. Irgendwo lässt sich ein Loch finden. Ja, mein Zimmer ist bereits leer. Etwas wird sich finden lassen. Ja, solange ich besser als die bin, bin ich frei!
Johan: Das ist aber feige!
Friedrich: Was?
Johan: Feigling!
Friedrich: Komm her! Dir zeig’ ich, wer ein Feigling ist.
[Sie beginnen zu ringen. Georg reisst sie auseinander.]
Georg: Guckt euch doch an. Wie elend ihr euch bekämpft. Grundlos. Meine Güte. KINDER! Ihr seid KINDER.
Friedrich: Gerade deshalb brauchen die uns. Weil wir Kinder sind!
Georg: Nun: Ihr müsst euch nicht elend anstellen. Seht hinaus! Eile du deiner Furcht heraus, Johan. Mal sehen, wie das kommt, wenn sie dich doch nach Verdun verschleppen. Mal sehen, wie das kommt, wenn man dich findet und du mit einer Kugel verendest, angeklagt des Hochverrates. Das Ende ist das gleiche, der Weg der gleiche. Jaja, eines Tages werdet ihr schon sehen, dass man erst werden kann, wenn man beginnt zu machen, und zu machen heisst zu sehen, dass man muss. Und ihr müsst. Ich muss. Jaja, wir alle werden müssen.
Da wundere ich mich, Friedrich, wie du die Maria Stuart lesen kannst, und selber so… Ich glaub, ich muss verzweifeln. Ja, ich glaub, ich dreh lieber ohne Mantel im Regen durch, als hier zu verweilen!

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