Schrödingers Abi

Personen:
LOU (18): Jahrgangsstufe 2, kurz vor der
existenziellen Kernschmelze.
YANNICK (19): Mitschüler, sitzt
tiefenentspannt auf dem Teppich.
Szene:
Ein Jugendzimmer, das zu 90 % aus
Karteikarten besteht. Auf dem Bett liegen
zerknitterte Skripte über Makroökonomie und
Ethik. Ein Laptop leuchtet auf dem
Schreibtisch, darauf läuft leise ein Anime Soundtrack.
LOU
(murmelt)
Also, das Doppelspaltexperiment beweist,
dass Licht gleichzeitig Welle und Teilchen ist…
bis man es misst.
(wirft den Stift an die Wand)
Ich schwöre dir, Yannick, mein Abi ist exakt
das: Schrödingers Katze!
Solange ich mein Zeugnis nicht öffne, bin ich
gleichzeitig durchgefallen und habe einen
Schnitt von 1,0.
YANNICK
(lehnt sich gegen das Bett, fängt den Stift auf)
Entspann dich. Die Klausurenphase ist fast
durch. Das ist jetzt alles deterministisch. Der
Drops ist gelutscht.
LOU
(dreht sich auf dem Drehstuhl zu ihm um)
Sag das meiner inneren Stimme! Ich fühle
mich moralisch verpflichtet, jetzt noch den
Unterschied zwischen OHG und GmbH zu
wiederholen, obwohl wir morgen Physik
schreiben. Mein Gehirn ist nur noch ein
Matsch aus Handelsgesetzen, Vektorenrechnung und Interferenzmustern.
YANNICK
(lacht leise)
Welle-Teilchen-Dualismus und
Gesellschaftsrecht. Wilde Kombi für einen
Donnerstag.
LOU
(greift seufzend nach dem Handy)
Und das Schlimmste ist: Mein Horoskop hat
mir heute Morgen schon gesagt, dass das
nichts wird. „Als Löwe-Sonne bist du
ehrgeizig, aber dein Fische-Mond zieht dich in
ein emotionales schwarzes Loch.“ Das passt
hundert Prozent. Und mein Zwillinge Aszendent will einfach nur den Laptop
zuklappen und irgendeinen Wohlfühl-Anime
gucken, um dem ganzen Stresshier zu
entkommen.
YANNICK
(spielt mit dem Stift, schaut Lou direkt an)
Apropos Realität… Wir sitzen hier seit drei
Stunden über Lernzetteln. Was ist eigentlich
mit uns? Wir reden die ganze Zeit nur über
Schule, um bloß nicht über das andere Thema
zu sprechen.
LOU
(weicht seinem Blick aus, sortiert hektisch
Karteikarten)
Wir sind wie zwei Elektronen im selben Orbital,
Yannick. Wenn wir uns zu nah kommen,
fliegen wir auseinander. Oder schlimmer: Wir
verändern den Zustand des anderen. Und
Freundschaft ist ein stabiler Zustand.
YANNICK
(steht auf, geht zum Schreibtisch und legt eine
Hand über die Karteikarten)
Oder wir bilden einfach eine neue Bindung, die
noch viel stärker ist. Ist eigentlich gar nicht so
schwer, wenn man aufhört, ständig die
Wahrscheinlichkeiten zu berechnen.
LOU
(schaut auf Yannicks Hand, dann zögerlich zu
ihm hoch, lächelt leicht)
Lass uns erst diese Physik-Klausur überleben.
Danach schauen wir, wie die Wellen zwischen
uns bei einem Kino-date verhalten. Deal?
YANNICK
(grinst)
Deal. Freitag, 19 Uhr, Supergirl. Aber vorher
erklärst du mir noch mal das Huygenssche
Prinzip.
(Lou stöhnt genervt auf, zieht eine neue
Karteikarte hervor. Das Licht blendet langsam
ab. Der Anime-Soundtrack wird etwas lauter.)

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